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Erich Kästner: Weihnachtsschwarzmarkt in Berlin

Es ist so kalt, daß den Berlinern die Tränen kommen. Auf den Perrons der Stadtbahnhöfe treten die Wartenden hastig in den Windschatten der Zeitungskioske. Zwölf Grad unter Null sind kein Spaß. Der Sturm fegt eisig um die Ecken. Er pfeift durch hunderttausend leere Fensterhöhlen. Es klappert und klirrt und scheppert. Das ist die atonale, die hochmoderne Ruinenmusik. Auch wer zu Hause, bei Stromspcrre, hinterm kalten Ofen sitzt, kann mithören. Die Übertragung ist vorzüglich. Das Konzert ist gratis. Es kostet nur Nerven. Alles, was Zähne hat, darf mitklappern. ...

Auf dem Weihnachtsmarkt am Lustgarten, wo's bei der bösen Kälte gewiß recht einsam und leer sein wird, gehen heute, das weiß ich, mindestens fünfundzwanzig fröstelnde Männer und Frauen spazieren. Nicht aus weihnachtlichem Übermut, bewahre. Es sind die vom Preisamt Berlin-Mitte ausgesandten ehrenamtlichen Prüfer und Prüferinnen, die nach Preisverstößen fahnden. Den Karussellbesitzern ist man schon auf der Spur. Es ist festgestellt worden, daß »die Preise für das Karussellfahren (50 Pfennig mindestens) viel zu hoch sind; dabei werden für diese hohen Preise nur vielleicht drei Runden zurückgelegt, gegenüber acht bis elf Runden in früheren Zeiten, in denen höchstens 20 Pfennig für eine solche Fahrt verlangt wurden«.

Das ist schlimm. Nicht so sehr für die Berliner Kinder. Denn wenn's so kalt bleibt, werden die Eltern mit ihnen sowieso nicht bis zum Lustgarten, dem Tummelplatz des Preisamts Mitte, wandern. Sondern für die Karussellbesitzer selber. Bei so hohen Preisen und so wenig Runden pro Person und Fahrt büßen sie ja doch, falls niemand kommt, viel mehr Geld ein, als wenn sie schicklicherweise, wie in früheren Zeiten, für zwanzig Pfennig acht bis elf Runden lieferten. Das haben sie nun davon.

Wenn's nicht so kalt wäre, hätte ich nicht übel Lust, den Weihnachtsmarkt zu besuchen, um den fünfundzwanzig ehrenamtlichen Prüfern und Prüferinnen zuzuschauen, wie sie, ernsten Auges, mit roten Nasen, Teufelsrad fahren und - die Sache will's - in den Luftschaukeln grimmig dahinschweben und die Runden zählen. »Der Gewerbe-Außendienst führt außerdem eine Sonderkontrolle auf dem Weihnachtsmarkt durch«, berichten die Zeitungen. Die Sonderkontrolleure vom Gewerbe-Außendienst reiten also, zur Drehorgelmiisik, auf Hirschen und Tigern und kritzeln hierbei die Preisverstöße ins verbeulte Notizbuch... welch ein Beispiel schöner und äußerster Pflichterfüllung!

Rupprecht ante portas. Weihnachten steht vor der Tür, durch deren Ritzen der Winter die Kälte und die Not in die Wohnungen fädelt. Weihnachten steht vor der Tür. - Sollen wir's wirklich hereinbitten? An den Ofen ohne Kohle, unter die Lampe ohne Licht, an den Tisch ohne Gaben? Nun, der Mensch bedenkt sich, wie man weiß, nicht lange. Im Bösen nie. Und zuweilen nicht einmal im Guten. Er geht zur Tür, vor welcher Weihnachten steht, öffnet sie weit und ruft unter Tränen lächelnd: »Herein. Wir freuen uns, daß Sie gekommen sind. Und noch dazu so pünktlich.«

Man will und wird Weihnachten feiern. Trotz allem. Mit zusammengebissenen Zähnen, ohne Rücksicht auf Verluste. Man wird einander beschenken. Auch wenn man nichts hat. Auch wenn es nichts gibt. Windschiefe Puppen kann man kaufen. Sie sind aus alten Soldatenmänteln und Strumpfresten zusammengeschustert, nein geschneidert. Parfüm steht in den Schaufenstern, bunt, in hübschen Flakons. Zu häßlichen Preisen. Reizende Lampenschirme locken das Auge. Glühbirnen, Schnur und Stecker sind allerdings nicht dabei. Aber waren wir nicht früher schon der Meinung, daß praktische Geschenke nicht halb so viel Vergnügen machen? Drum auf, Freunde, beglückt einander mit handgemalten Stehlampen ohne Birnen. Da habt ihr endlich einmal was Unpraktisches. Oder wie wär's mit einer Nofretete aus echtem Gips? Ein findiger Mann hat die Schaufenster der Stadt mit der holden ägyptischen Königin förmlich überschwemmt. Wird sie sich nicht trefflich daheim ausnehmen? Wenn sie den dunklen Rätselblick durchs Fenster, an der wehenden Pappe vorbei, auf euer malerisches Trümmergegenüber richtet? Oder wollt ihr etwas noch Schöneres, noch Sinnigeres überreichen? In der Zeitung steht: »Dein geeignetes Weihnachtsgeschenk ist eine Groß- oder Klein-Lebensversicherung mit voller Auszahlung im Todes- und Erlebensfalle. Erhöhte Leistung bei Unfalltod.« Wie wär's? Vielleicht in einer samtschwarzen Geschenkpackung? Ich wüßte auch eine passende Zeile drauf. Im Krieg kursierte der Reim:

»Praktisch denken, Särge schenken.« Das wäre doch eine geeignete Inschrift, nein?
Wem diese Musterkollektion entzückender Geschenke trotz allem nicht zusagen sollte, der muß ein paar Buden weitergehen. Vom Weihnachtsmarkt weg. Am Schwarzen Markt vorbei. Zum Schwarzen Weihnachtsmarkt hinüber. Ich weiß nicht genau, wo er liegt. Aber man braucht nur zu fragen. Die Berliner sind höflich. Und es kennt ihn ja jeder. Nur, tu Geld in deinen Beutel. Und wenn du kein Geld hast, womöglich nicht mal einen Beutel, dann schenk das letzte her, was dir geblieben ist: das letzte Lächeln, den letzten kräftigen Händedruck, das letzte gute Wort. Heraus damit. Weihnachten steht vor der Tür. Wir wollen ein Fest feiern, und ein Schelm gibt mehr, als er hat.


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aus: R.W.Leonhardt (Hrsg.): Kästner für Erwachsene; S. Fischer/Atrium '66

Alex | Druckversion

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