Ich war schon viele Stunden marschiert, als ich endlich eine kleine Stadt erreichte. Tagelang hatte ich keine Menschen mehr gesehen. Meine Kehle war trocken –sie brannte vor Durst - und mein Magen war leer. Ich hatte jedes Hungergefühl verloren. Wann ich das letzte Mal etwas gegessen oder getrunken hatte, hatte ich vergessen. Das war jetzt auch nicht mehr wichtig, denn ich war endlich wieder in der Zivilisation. Endlich umgaben mich wieder schützende Mauern. Nach diesen Tagen auf der offenen Ebene, fühlte ich mich hier in den engen Gassen sicher. Jedoch sie waren menschenleer. ...
Ich hatte keine Ahnung wo ich mich befand, und seltsamer Weise waren keine Bewohner zu sehen, die mir diese Fragen beantworten hätten können. So irrte ich umher und hoffte, doch noch auf jemanden zu tref-fen.
Nach einer Weile mündeten die Gassen in einen großen Platz, das musste das Zentrum der Stadt sein. Immerhin war ich vom Stadtrand doch schon einige Minuten entfernt. Ich sah mich um und plötzlich glaubte ich zu träumen: inmitten des Platzes stand ein kleiner Junge mit gesenktem Kopf. Vielleicht würden mir der Hunger und der Durst etwas vorgaukeln, es konnte doch sein, dass er nur eine Halluzination war. Nein, dafür wirkte er zu real, er existierte wirklich.
Ich war froh endlich jemanden gefunden zu haben, und legte meine Zweifel beiseite. Es war zwar nur ein kleiner Junge, aber es war ein Mensch. Als ich näher kam, erkannte ich, dass er etwas in der Hand hielt und mit seinen Augen fixierte. Es war ein Apfel. Mein Blick haftete auf ihm, während ich langsam auf ihn zu-ging. Er hatte mich nicht bemerkt, denn noch immer starrte er auf den Apfel. Ich sagte: „Hallo!“ - von ihm kam nichts - „Ist alles in Ordnung?“ „Ich habe heute schon abgebissen, oder?“ Seine Stimme klang unsicher und traurig. „Ich weiß nicht“, antwortete ich darauf, „stehst du schon lange hier?“ Er zuckte mit den Schultern. Mir schien die Situation sehr seltsam: Ein kleiner Junge so ganz allei-ne, und weit und breit keine Menschenseele. „Was machst du hier, wo sind die anderen?“ Wieder zuckte er mit den Schultern, aber meinte: „Ich bin alleine hier...mit meinem Apfel, der bleibt bei mir.“
Er wirkte verstört. Seine Kleidung war staubig. Sein Gesicht und seine Haare waren grau wie die eines Greisen. Mir schien er fast eine Statue zu sein, bewegungs-los und emotionslos konzentrierte er sich nur auf den Apfel, ich war ihm egal. Obwohl er mir antwortete, hatte ich das Gefühl, für ihn nicht zu existieren.
„Wie heißt du denn?“, ich gab nicht auf. „Weiß ich nicht“, sagte er und klammerte seine Finger fest um den Apfel. „Wo sind deine Eltern“, fragte ich, obwohl ich die Antwort zu kennen glaubte. Er sagte nichts.
Weit und breit war niemand außer dem Jungen, der starr zwischen Trümmern von Häusern und Staub ausharrte. Alles war zerstört. Die Stadt war ausgestorben. Nichts war zu hören, außer dem Wind, der durch die Gassen pfiff - ein unheimliches, beängstigendes Geräusch.
Ich erinnerte mich zurück: Vielleicht eine Stunde bevor ich die Stadt entdeckte, hatte ich Flieger und Bomben gehört. Sie schienen aus dieser Richtung zu kom-men, aber gesehen hatte ich sie nicht. Hatten diese hier alles zerstört? Waren die Menschen vielleicht geflohen, oder alle gestorben? Wären sie geflohen, hätten sie dann nicht den Jungen mitgenommen? Es war Krieg und dieser forderte immer wieder Opfer und Zurückgelassene – das kannte ich selbst nur zu gut, aber verste-hen würde ich das wohl nie. Wie konnten Menschen nur andere Menschen um-bringen. Vermutlich war es leicht in einem Flieger zu sitzen, eine Bombe abzu-werfen, und einfach nicht weiter darüber nachzudenken, was damit angerichtet wurde. Man sah ja nicht was die Bomben zerstörten: Leben, Häuser, Existenzen...
Den Jungen auf alle Fälle wollte ich nicht hier lassen. Ich streckte ihm die Hand entgegen. „Komm mit, wir suchen die anderen.“ „Nein, ich muss hier warten“, protestierte er und hob den Kopf. Seine blauen Augen blitzten durch das grau in seinem Gesicht betrübt hervor. Erstaunt sah ich ihn an, ich hatte nicht erwartet ihn so energisch zu erleben. „Warum musst du hier bleiben, hier ist doch niemand!“ Er sah mich an und erwiderte traurig: „Sie hat gesagt, sie kommt wieder, sie hat es mir versprochen, sie ist ja nur...“ Seine Stimme brach ab. Er hob die Hand und zeigte auf die Trümmer. Ich verstand, er sprach von seiner Mutter, allerdings würde sie nicht wiederkommen. Sie lag mit großer Wahrscheinlichkeit unter den
Trümmern und ihr Sohn wartete hier. Er gab die Hoffnung nicht auf, dass sie zu-rückkam.
Er starrte wieder auf den Apfel. „Sie hat gesagt, bis ich ihn fertig gegessen habe, ist sie wieder da. Sie kommt mich abholen, sicher, der Apfel ist ja noch nicht auf-gegessen.“
Der Junge tat mir so leid. So entschied ich, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu warten. Es gab auch keinen Ort an dem ich noch jemand hatte. Auch ich war al-leine und hatte meine Familie verloren. Irgendwo unter Trümmern lagen sie be-graben und ich hatte jede Hoffnung aufgegeben. Jetzt waren wir zumindest zusammen „allein gelassen“, vielleicht würde uns das helfen eines Tages neue Hoffnung zu schöpfen. Jetzt ließ er sich noch nicht dazu bewegen mit mir zu gehen. Wer weiß, vielleicht würde er irgendwann den letzten Bissen des Apfels hinunter-schlucken und dann auch begreifen wollen, dass niemand mehr zurückkam um ihn zu holen.