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Einem Geheimnis auf der Spur

Da lag er nun, still, ohne sich zu regen. Meine Augen fixierten ihn. Ich war angespannt und nervös, mein Herz pochte wild in meiner Brust. Würde es zerspringen? ...

Mir wurde heiß, meine Hände zitterten, nein, eigentlich mein ganzer Körper, und dann fror ich wieder.
Was sollte ich jetzt tun? Wieso lag er da? Vielleicht ein Irrtum und ich konnte mich so aus dieser Situation erretten? Ich hoffte es.
Jedoch meine Hoffnung war umsonst, denn plötzlich vernahm ich ein leises Flüstern – sein Flüstern? Seine Stimme, die mich zu rufen versuchte, aber zu kraftlos war? So beugte ich mich zu ihm nieder, stoppte früh genug, denn zu nahe wollte ich ihm nicht kommen. Ich gebe zu, ich hatte Angst vor ihm. Ich fürchtet, er könnte mich einfangen.

Meine Füße und mein Rücken schmerzten in dieser gebeugten Position. Ich musste mich setzen, und war ihm damit näher gekommen. Ein Duft stieg mir in die Nase, ein angenehmer, bekannter Duft, der ein Gefühl in mir erweckte. Zuordnen konnte ich es aber nicht.
Noch immer hörte ich sein Gemurmel, allerdings verstummte es, zu meiner Überraschung, im nächsten Moment. Die Stille, die folgte, war erdrückend. Mein Mund war trocken. Ich dachte: „Wasser“, aber nur der Gedanke daran lies meinen Körper rebellieren. So legte ich ihn beiseite.

Ich wusste, es waren von Anfang an die Stimmen in meinem Kopf, die mit mir sprachen, als sie aber schrieen „LIES IHN, LIES IHN ENDLICH!“, erschrak ich und verlor die Kontrolle über mich und meine Handlungen. Ein Schwindel überfiel mich, es schien fast als würde ich meinen Körper verlassen und mich von einer gewissen, fast objektiven Distanz selbst beobachten: Ich sah meine Hände, sie bewegten sich ohne von mir die Intention dafür bekommen zu haben.
Nichts konnte sie mehr halten, sie griffen nach ihm und schon spürte ich ihn zwischen meinen Fingern: er fühlte sich wie Seide an, so zart, so fein. Ein schöner Augenblick, jetzt nachdem er meinen Willen gebrochen hatte, konnte ich ihn auskosten, genießen.

Ich zog ihn an meine Nase heran und sog den Duft in mich auf. Er vernebelte meinen Geist und rief ein Bild hervor: sein Gesicht, seine markanten Züge, seine Augen,... – und erweckte dieses Gefühl: Schmetterlinge flatterten in meinem Bauch. Ich schauderte bei dem Gedanken in seiner Nähe sein zu können. Es war nur ein Abend gewesen, ein schöner Abend, der schon lange zurücklag. Ich hatte nie gehofft von ihm zu hören und nun hatte ich dieses einfache weiße Kuvert, auf dem unverkennbar mein Name stand, in meinen Händen.

Und obwohl ich mich fast vor den Zeilen fürchtete, drang mich etwas dazu den Brief zu öffnen und seine Worte zu lesen:
„Liebe Helena”, ich hatte ihm damals einen falschen Name genannt und dachte mir nun: War er mein Paris, und hatte die Göttin Aphrodite mich ihm zum Geschenk gemacht, weil er sie zur schönste Göttin gekürt hatte. Unter drei Göttinnen – Hera, die ihm die Herrschaft über Asien und Europa angeboten hatte, Athene, die ihm den Sieg über Troja versprochen hatte und Aphrodite, die ihm Helena geben hatte wollen, hatte er ausgerechnet die Liebe gewählt – oder waren es seine männlichen Triebe gewesen, die sich dafür entschieden hatten. Die Romantik war dabei wohl auf der Strecke geblieben.

Wenn ja, konnte diese Geschichte gut ausgehen? Welche Geschichte überhaupt? Ich hatte Spaß mit ihm gehabt, viel gelacht und er war nett gewesen – nett, was für ein unmögliches Wort. Nett waren meine Eltern, Geschwister, Freunde, aber war es ausreichend, dass ER nett war? Ja sicherlich, ich hatte diese typischen Verliebtsein-Symptome – jeder kennt sie – Dauergrinsen, Schmetterlinge im Bauch, Gänsehaut beim Gedanken an ihn oder beim Gedanken an eine Berührung von ihm usw..

Ich denke aber, „verliebt sein“ konnte man sehr schnell. Solange man ihn noch nicht gut genug kannte, war er interessant, faszinierend, ja sogar atemberaubend – später raubte einem nur noch die Art und Weise wie er kaute, wie er sich wusch, wie er schlief … den Verstand. Zuvor getarnt als ein fast perfektes Schauspiel, lüftete sich nach einer Zeit der Schleier und man entdeckte das Trauerspiel.

Nach meinem Exkurs wieder zurück zum Brief, der nach wie vor in meiner Hand lag, jedoch irgendetwas hinderte mich daran ihn weiterzulesen: War es deshalb, weil ich den schönen Gedanken an den Abend einfach nur bei mir behalten wollte, ohne seinem Geständnis, dass er mich liebte – was mit Sicherheit nicht sein konnte. Gerade ich hatte in den letzten Jahren gelernt, dass man einen Menschen erst lieben konnte, wenn man ihn besser kannte - also, die rosarote, manchmal fast knallrosarote Brille abgelegt hatte - und seine Ticks und Macken akzeptiert hatte.
Ein schönes Rendezvous, das nicht wiederholt werden sollte, das war es gewesen und dabei sollte es bleiben.

Trotzdem dachte ich an ihn: was hatte ihn wohl dazu bewegt mir diese Zeilen zu schreiben. Hatte ihn jemand verlassen und wendete sich jetzt an Verflossene oder an noch von ihm Unberührte? War ihm zu langweilig oder war er nur durch Zufall über meinen Namen gestolpert. Ich stellte mir vor, wie er zu Hause saß und sein Adressbuch durchging – wie oft hatte ich das schon gemacht und wie oft hatte ich schon von anderen gehört, die aus einer Laune heraus dasselbe gemacht hatten. Bei H fand er Helena, aber eigentlich hatte ich ihm nur meine falsche Telefonnummer gegeben. Die probierte er dann sehr wahrscheinlich aus und als er bemerkte, dass die Nummer nicht existierte, erinnerte er sich daran, dass er mich nach Hause gebracht hatte. Jedoch mit mir von Gesicht zu Gesicht sprechen, war ihm sicherlich zu direkt, deshalb saß er sich an einen Tisch, nahm ein Blattpapier und einen Stift und schrieb mir diese Zeilen. Nachdem sein Werk vollendet war, mein Name auf dem Kuvert stand, machte er sich auf den Weg und legte ihn mir vor die Türe. Wo ich ihn dann heute morgen vorgefunden hatte – überrascht und vor allem auch etwas schockiert.

Was erwartete er jetzt von mir? Sicherlich saß er zu Hause - vielleicht hatte er seine Telefonnummer hineingeschrieben - und wartete nur auf einen Anruf von mir, der nie kommen würde. Irgendwann würde er dann vielleicht aufgeben - ich hoffte, dass er nicht auf die Idee kam persönlich vorbeizukommen - und das Glück bei einer anderen versuchen. Immerhin kam nach dem H das I und es gab viele Mädchennamen mit I - Inga, Isabell, Ida, Ilona, Ines, Ivonne vielleicht auch Iphigenie, dieser Name war wohl etwas zu ausgefallen, aber der Phantasie sollten keine Grenzen gesetzt sein. So war, ist und wird es immer wieder sein – wir hoffen, warten und werden enttäuscht. Nur manchmal erfüllen sich die Dinge genauso wie wir sie uns vorstellen: man trifft auf einen netten Kerl, er ruft einen sogar an, macht alles richtig, ist richtig süß und lieb, ABER dann ist er doch auf einmal zu wenig Mann und er wird zum sehr guten Freund degradiert.

Nun es schien als hätte ich mich entschieden, nämlich dazu den Brief nicht weiterzulesen und ihn beiseite zu legen. Ich wollte nicht wissen, wie die Geschichte sich entwickeln könnte, denn ich mochte eigentlich die Geschichte, in der ich jetzt lebte sehr. Mir war schon klar, dass ich nie wissen würde, wie sie weitergehen würde und sie vielleicht auch schon morgen enden könnte, aber dass würde und könnte ließ ich hier nicht aufkeimen, weil das JETZT zu schön war. Ich hatte keinen Grund diesen Zustand zu verlassen, nur um ein Abenteuer einzugehen, dass anscheinend auf Verliebtheit basierte. Mir war das Abenteuer, das auf Liebe basierte viel wichtiger und außerdem war es für mich spannend, aufregend und immer interessant, auch wenn nicht immer alles eitel Wonne war, aber so war das Leben nun einmal.

Ich sah den Brief noch ein letztes Mal an, und stellte überraschend fest, dass seine Handschrift nicht dem entsprach, wie ich sie mir bei dem Gedanken an seine Person vorgestellt hatte: einen zarten, schön geschwungenen Schriftzug. Jedoch er hatte eine Klaue, die mit der eines zwölf, dreizehn oder vierzehnjährigen Schülers in der Pubertät verglichen hätte werden können. „Liebe Helena“ war kaum zu entziffern. Irgendwo hatte ich gehört, dass die Schrift eines Menschen, viel über dessen Charakter aussagen würde. Wie sollte ich seine dann interpretieren? War er offen, kreativ, wild und vielleicht sogar unheimlich leidenschaftlich oder doch ein chaotischer, unordentlicher Langweiler, der kein Interesse an einer Weiterentwicklung hatte, vielleicht sogar im Teeny-Alter stehen geblieben war. Mir war sehr wohl klar, dass das sehr weit hergeholt war.

Ehrlich gesagt, wollte ich es auch gar nicht wissen – ich wusste eigentlich schon genug ohne den Brief überhaupt gelesen zu haben, oder redete es mir zumindest ein. Vielleicht hatte ich das Geheimnis schon gelüftet, und wenn nicht, dann blieb es ein ungelöstes Rätsel – es war mir einerlei.
Aus diesem Grund steckte ich nun endlich den Brief zurück ins Kuvert –vermutlich konnte ich ihn nicht einmal entziffern – und brachte ihn zwischen einem dicken Stapel von Papier unter. Möglicherweise fiel er mir irgendwann wieder in die Hände und dann bestände ja noch immer die Hoffnung für ihn, doch noch von mir gelesen zu werden. Wahnsinn so viele Gedanken über einen so „belangloses“ Stückchen Papier, das ich nicht einmal las. Verrückt!

Alex | Druckversion

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